Der Frechdachs.

Von Paul Bliß.
in: „Großer Volkskalender des Lahrer hinkenden Boten”, Jahrgang 1936


Der Komiker des Landestheaters feierte sein fünfzigjähriges Künstlerjubiläum.

Seit Jahren spielte er alle großen komischen Rollen, hatte stets eine gute Presse und ein sehr beifallsfrohes Publikum.

Nun also jubilierte der langsam alternde Künstler, und da war es ja selbstverständlich, daß seine Verehrer ihm ein Festmahl gaben.

Es wurde auch ein anregender und fröhlicher Abend, und in der kleinen Tafelrunde herrschte eine behagliche Stimmung.

Mit fröhlicher Würde nahm der Jubilar alle ihn feiernden Reden hin, und mit stillem Behagen sah er auf die Vergangenheit zurück, in der er oft genug hatte kämpfen müssen. Jetzt nun aber fühlte er sich geborgen, denn heute hatte ihm die Regierung eine Alterspension bewilligt.

Als alle Redner sich gründlich ausgesprochen hatten, erhob auch der Gefeierte sich, dankte und versprach, daß er nach Kräften noch viele frohe Stunden von der Bühne herab spenden wolle. Und wie er nun so flott im Reden war, kam ihm urplötzlich eine Idee, die den guten Abschluß geben sollte. Mit lächelnder Ruhe sagte er: „Ja, liebe Festgenossen, und jetzt möchte ich Ihnen noch etwas erzählen, was Ihnen allen sicherlich neu sein dürfte.”

Gespannt horchten alle auf. Und lebhaft sprach er weiter: „Als ich vor Jahren die Ehre hatte, hierhergerufen zu werden, war ich Ihnen allen ein Unbekannter; von meinem Werdegang — so glaubte ich wenigstens — wußte niemand etwas; jetzt möchte ich Ihnen doch erzählen, wie und wo ich einmal angefangen habe.”

Ein interessiertes „Ah!” klang durch den Raum.

„Ich war nämlich auf Wunsch meines Vaters, der vom Theater nichts, aber auch gar nichts wissen wollte, für den Friseurberuf bestimmt worden.”

Wieder ein allseitiges fröhliches „Ah!”

„Jawohl, Friseur mußte ich werden, da half nun gar kein Gejammer. Also wurde ich eben Friseur. Nun, machen wir es kurz. Ein Vierteljahr hielt ich aus. Aber als ich einmal beim Haarschneiden einem jungen Mann das halbe Ohr wegschnitt, da war es mit meiner, aber auch mit der Geduld meines Lehrherrn zu Ende, ich bekam (wie man bei uns sagte) einen Tritt und war draußen.”

Schallendes Gelächter brach los.

„Dann rannte ich heimlich zum Theater, zog von einer Schmiere zur anderen, bis ich endlich nach und nach festen Fuß gefaßt und mir einen Namen erworben hatte. Das Glück war mir hold, sonst hätte ich ja eben nicht den Vorzug, heute hier bei Ihnen jubilieren zu dürfen!”;

Als er geendet hatte, brach tosender Jubel los. Und nun erst begann die frohe Laune der Gäste sich ganz auszutoben.

Am Nachmittag des anderen Tages stand diese Neuigkeit natürlich in den Zeitungen der Stadt, und jeder Bürger las nun dies Geständnis seins Lieblings mit Behagen.

Aber auch ein anderer las es noch.

Einen Tag später bekam der Jubilar einen recht sonderbaren Besuch.

„Sie wünschen?” fragte erstaunt der Künstler.

„Ich bin derjenige Mann!” Grinsend, breit und dreist stand der alte Kerl da.

„Welcher Mann denn?”

„Dem Sie damals das halbe Ohr weggesäbelt haben!” Frech stierte er den alten Herrn an.

Der aber blickte wie entgeistert drein, faßte sich an die Stirn und dann sank er mit dröhnendem Lachen in seinen Sessel.

Und nun rief der Fremde dummdreist: „Ja, Männeken, kennen Sie mich denn gar nicht wieder?”

Da erhob sich der Künstler ernst und würdevoll und sah sich erst mal das Ohr an, dann lächelte er überlegen und sagte ruhig: „Natürlich irren Sie sich! Mein Patient von damals verlor das rechte Ohr!” — Fest behielt er den frechen Kerl im Auge.

Der wurde jetzt etwas verlegen und schwieg zuerst, sprach dann aber mit neuem Anlauf: &bdquo:Besinnen Sie sich doch nur, es war das linke!”

Jetzt lächelte der alte Komödiant etwas eigentümlich und fragte jovial: „Also wie hoch bemessen Sie den Schadenersatz denn nun eigentlich?”

Da lächelte auch der andere, beinahe schon verständnisinnig und dann sagte er devot: „Das darf ich wohl Ihrer Güte überlassen.”

Der Künstler zog seine Brieftasche, langte einen Schein heraus und sprach jetzt sehr ernst: „Ein für allemal! Wir verstehen uns ja wohl, nicht wahr?”

Der Alte nickte dankend und verschwand schleunigst.

Als der Künstler allein war, lächelte er resigniert und er dachte: So ein Frechdachs! Und ich muß schweigen — hilft nichts, ich muß!

Denn die Geschichte von dem abgeschnittenen Ohr hatte er ja doch nur erfunden, um sich bei seinen Verehrern interessant zu machen . . .

— — —